Mein Sohn ist Gildenrat
Forum, 24. April 2006, weiblich, anonymisiert
--------------------------------------------------------------------------------
Mein Sohn ist 15 und spielt seit ca. einem Jahr WoW. Bis wir es mitbekommen haben und uns
ausführlich über das Spiel informiert haben, hat es einige Zeit gedauert, aber mindestens
seit Frühjahr 2005 ist uns klar, daß es sich um ein hochgefährliches Spiel handelt.
Wir haben anfangs kaum eine Zeitbegrenzung hinbekommen, es gab heftige unschöne Szenen,
inzwischen akzeptiert er eine Spielzeit von 18-22 Uhr (werk)täglich, am Wochenende eskaliert
es allerdings regelmäßig, Ferien ebenso. Die Spielzeit haben wir mit einem Kraftakt einschränken
können, nicht aber den seelischen Einfluß, den das Spiel hat. Ein nahezu vollständiger Interessenverlust
(er hat früher bestehende Hobbys dem Spiel zuliebe aufgegeben, das Spielen eines
Musikinstrumentes betreibt er noch, wohl bedenkend, daß ein weiteres Eskalieren ihn
den account kosten könnte), Schulleistungen weit unter seinen Möglichkeiten,
keine offline - Freunde mehr, ständig das Gefühl, wir lassen ihn nicht in Ruhe
(obwohl er die einfachste Lösung, nämlich einfach mehr aus dem Haus zu gehen, nicht nutzt).
Er ist inzwischen Gildenrat seiner Gilde, das können wir ihm natürlich nicht
kompensieren, je weniger er aktiv offline ist, um so weniger gibt es Erfolge, die muß
er dann wieder online anstreben. All das ist uns klar und wir versuchen auch, ihm das zu
vermitteln. Ist aber entsetzlich schwer und ich (Mutter) bin mehr als einmal am Rande
meiner Kraft gewesen, immer wieder gehen mir auch Suizidgedanken durch en Kopf,
aber ich würde ihm dann gerade signalisieren, daß das offline - Leben nichts wert
ist und das will ich nicht.
Es ist übrigens ein wunderbares Kind, das wird mir immer deutlich, wenn es uns gelungen ist,
ihn (auch mehrtägig) außer Haus zu locken (dieses Erfolgserlebnis hatten wir in den letzten
Monaten öfter als noch vor ca. einem Jahr, Städtereisen, Urlaubsfahrten, auch Kino, Eiscafe
oder eben Auftritte der Musikschule sind emotionale Höhepunkte, ich frage mich immer, ob
er das nicht spürt, daß es ihm dann besser geht). Für mich war es extrem hilfreich, meine
Scham zu überwinden und mich an die Suchtberatungsstelle zu wenden (ich bin selbst
Therapeutin und da ist das in der eigenen Stadt nicht ganz leicht).
Auch das Aufsuchen seiner Gildenseite unter einem Decknamen hat mir geholfen
(einfach wissen, was da läuft - so kann mein Kind z.B. wunderbar und orthographisch
respektabel argumentieren, das tröstet etwas und macht Mut für später). Ich denke,
rational ist mir manches klar, aber das auszuhalten, dazu hilft mir z.B. diese
online - Seite sehr. Vielen Dank, Frau Farke!
Im Vergleich mit manchen anderen Verläufen haben wir vielleicht
noch eine milde Ausprägung, aber eine psychische Abhängigkeit besteht
zweifelsfrei.
--------------------------------------------------------------------------------