Mein onlinesuechtiger Freund hat sich erhaengt
Forum, 10. Mai 2006, weiblich
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Hallo,
vorab: Ich wusste nicht genau in welches Forum ich das schreiben
soll, daher hab ich das allgemeine genommen, sollte dies Falsch sein
bitte ich um Entschuldigung. Warum ich hier schreibe? Ich muss es einfach mal loswerden!
Viele der Bekenntnisse hier auf dieser Seite erinnern mich
an meine "alten" Zeiten. Das Internet war für mich damals eher
Informationsplattform. Sicherlich habe ich auch gechattet, aber
mehr nebenher, habe ich jemanden "kennengelernt" den ich nett fand
hab ich so schnell wie möglich versucht ihn/sie auch real zu treffen.
(Natürlich nicht ohne mich vorher versichert zu haben, dass es
kein irrer Mörder ist).
Als ich 17 war lernte ich meinen Ex-Freund kennen. Nach einem Jahr
trat er seinen Grundwehrdienst an. Ein Wochenende, erzählte er mir
von einem ganz tollen Onlinegame ich weiß nicht mehr genau welches es
war, aber er verbrachte eigentlich alle folgenden Wochenenden am PC.
Schon zu der Zeit hätte ich es besser wissen müssen, aber ich war naiv.
Nach Ende seines Grundwehrdienstes sind wir zusammen gezogen, ich dachte
dann würde er vielleicht auch weniger am Rechner sitzen. Ganz im Gegenteil
war er nun aber gar nicht mehr von der Kiste weg zu kriegen. Er hatte sein
Arbeitszimmer zum Spielzimmer gemacht, an den Wänden hingen Karten von
irgendwelchen Ländern des Spiels. Ich ging nicht in dieses Zimmer, was sollte ich
ihm auch beim Spielen zusehen.
Durch meine Ausbildung musste ich allerdings auch mal an den Rechner, dies ging
natürlich nur mit 3maliger schriftlicher Anmeldung. Meistens konnte ich gar nicht ran,
habe ich ihn einfach ausgemacht hat er mich beinah angegriffen. Also nahm ich sein Laptop
er brauchte es schließlich nicht und setzte mich in die Wohnstube. Ich wurde
immer unzufriedener, ich konnte nicht glauben, dass das schon alles war. Einer meiner
Chat-Freunde erzählte mir da von einem super Browsergame, dass ich mir unbedingt mal
ansehen sollte.
Ich spielte es sehr gern, aber auch das war für mich damals nur ein Spiel. Keine
ernste Sache. Bis ich die verschiedenen Kommunikationsformen (IRC, Skype, TS usw.) entdeckte
von da an war ich nicht mehr allein in meinem Wohnzimmer, ich war Teil einer Community.
Ich hatte Freunde... im Spiel zwar, aber ich kannte sie besser als jeder andere und sie
kannten mich. Ich saß manchmal bis 1 oder 2 Uhr Nachts am Spiel, bin dann morgens
auf Arbeit, in die Berufsschule ging ich so gut wie nie, war ja auch nicht so
wichtig. Jede freie Minute verbrachte ich ab jetzt auf dem Sessel in meinem Wohnzimmer.
Wäsche waschen? Das kann ich auch morgen noch... Duschen gehen? Ja moment ich schreib noch
schnell was zu ende... Es ist komisch das zu zugeben, aber ich war ein richtiges Schwein
zu der Zeit. Aber Warum?
Ganz einfach. Im Internet war ich wer... in dem Spiel gab es gewisse Stufen die man
erreichen konnte. Je höher die Stufe, je höher das Ansehen. Innerhalb von 8 Monaten hatte
ich die höchste Stufe erreicht. In jedem Chan wurde ich mit Freude begrüßt.
Ich wurde geachtet, ich wurde gemocht, ich wurde respektiert. Genau das, was ich immer
wollte. Beliebt sein. Es war wie auf einem Mordsmäßigem Trip. Im Real haben mich
meistens alle gehänselt, ich war ein Niemand. Aber im Spiel war ich ein JEMAND.
Mit meinem Freund lief schon lange nichts mehr, wir haben Schluss gemacht in beiderseitigem
Einverständis... Ab und zu klopfte ich mal an seine Tür um zu hören, ob er
noch am Leben war. Es klingt wirklich erschreckend, aber genau aus diesem Grund
klopfte ich an seine Tür. Zu hören bekam ich "ich kann jetzt nicht".
13 Monate lang ging das so. Mein Vater wusste nichts davon, er machte mir nur Vorwürfe, dass
ich nie anrufe. Heute tut es mir leid, damals war mir das egal.
Ich war zu der Zeit kein Mensch. Eines Tages, musste ich dann doch mal in das "Spielzimmer", weil das Laptop nicht da war. Als ich die Tür aufstoß kam mir der Brechreiz. Ich hatte
das Zimmer schon seit mehr als 8 Monaten nicht mehr gesehen. Es war schlimmer
als ich es mir je hätte vorstellen können. Es war ein Trampelpfad zum Schreibtisch, der Rest des Bodens war mit ca. ein Meter hohen Stapeln aus Müll bedeckt. Aber was für Müll.
Altes MiKrowellenessen, verschimmelte Sacken überall. Verfaultes und Verwestes lag da rum. Zwei 10-Liter Eimer bis oben hin voll mit Zigarettenstummeln.
Ich will gar nicht wissen, was das alles mal war. Es hat gestunken, das ist einfach unbeschreiblich. So schnell ich konnte habe ich die Tür zugeschmissen und ging ins Wohnzimmer. Ich sah auf meinen Sessel und den kleinen Tisch davor. Man sah deutlich wo das Laptop noch gestanden hat. Ein überfüllter Aschenbecher, sonst nur Dreck. Kein Dreck auf dem Boden, aber auch das war schon ganz schön schlimm. Die Küche quoll über von alten Müllbeuteln. Da stand ich, stinkend, in meiner stinkenden Wohnnung und sah aus dem Fenster.
Draußen hörte ich ein paar Kinder spielen, und da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass irgendwas nicht richtig läuft. Ich wusste nicht was, aber irgendwas habe ich falsch gemacht, das wusste ich.
Zuerst ging ich Duschen, kramte alle meine Sachen zusammen und klingelte bei meinem Vater. Ich wollte nur noch da raus. Meine Vorstellung war damals. Ich kann mich ja bei meinem Vater einnisten und da weiter spielen. Ich habe wirklich nicht einen moment daran gedacht, dass ich danach süchtig bin. Ich habe scherze darüber gemacht und andere ausgelacht die mir geschrieben haben sie hören auf und am selben Tag wieder angefangen haben.
Meine Vorstellung war jedoch nicht wirklich umsetzbar. Zum Einen hatte mein Vater nicht die nötige Internetgeschwindigkeit und ich hatte auf einmal auch gar keine Zeit mehr. Montag war Arbeitstag, da wurde das Haus geputzt, Dienstags war Skatabend bei Nachbars... usw. Ganz ohen es zu wissen, hat er mich aus dem Sumpf gezogen, ich habe ihn oft gefragt, er hatte wirklich keine Ahnung. Ich bin ihm unendlich dankbar, dass er mich damals nicht wieder rausgeschmissen hat (Ich war wirklich schlecht drauf)...
Aber auch da wusste ich noch nichts davon. Denn ab und zu fand ich auch ein paar freie Minuten, klar, dass ich sofort ins Internet ging. Doch gleich nach dem ersten mal habe ich es sein lassen. Ich wurde nicht herzlich empfangen, meine "Freunde" haben mir vorwürfe gemacht, warum ich am verabredeten Zeitpunkt nicht da war, warum ich mein Acc einfach unbeaufsichtigt lasse usw. Ich erkannte, dass die Welt, die ich mir geschaffen hatte, nicht das war, was ich immer dachte. Ich erkannte, dass ich mir was vorgemacht habe und da habe ich zum ersten mal den einen Satz gedacht: "Ich bin süchtig".
Seitdem sind 4 Jahre vergangen. Ich spiele nun das Spiel wieder... ab und zu... nebenbei, weil es Spaß macht. Wenn ich meine alten "Freunde" wieder online treffe, Chatten wir ein paar Minuten. Über das Real. Wie es ihm/ihr geht, was er/sie so macht... nicht über das Spiel. All das hab ich aus meinem Kopf für immer verbannt. Mein Ex-Freund? Er ist mittlerweile seit 2 Jahren Tot. Er hat sich aufgehangen, als er kein Geld mehr hatte.
Manchmal treff ich vollkommen Fremde auf der Straße, die sagen "Hey bist du nicht dieunddie und warst Admin bei soundso?"... "Nein bin ich nicht, sie ist gestorben", sag ich dann.
Ich bin beides, ich habe erlebt wie es ist, mit einem Süchtigen zusammen zuleben und wie es ist süchtig zu sein. Ich werde das nie wieder zulassen. beides.
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