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Drucken 16.02.2005   18:24 Uhr

Blogs

Die große Bühne der Einsamen

Schreiben, senden und verlinken – aus dem Nichts entstand ein neues Medium, das manche Nutzer an die Grenze der Sucht bringt.
Von Helmut Martin-Jung

 
 
Blog

Sieben Millionen Menschen allein in den USA, die mehr oder weniger regelmäßig aufschreiben, was sie bewegt.

 

München, im Februar – Joe Gordon tat das, was er seit Jahren tut. Wenn er zum Beispiel auf dem Weg nach Hause nicht den Bus nimmt, sondern zu Fuß geht und in einer Bäckerei etwas Gebäck einkauft, dann schreibt er auf: dass es unweit seiner Wohnung im schottischen Edinburgh neuerdings eine Bäckerei mit einer Kunstgalerie im Keller gibt und er das groovy findet.

Er schreibt es auf in seinem Tagebuch im Internet, seinem Blog. Zu lesen für alle Welt. Doch die Welt interessierte sich lange Zeit nicht besonders für Joe Gordon und seine Woolamaloo Gazette.

Böser Boss

So hätte es weitergehen können im Leben des 37 Jahre alten Buchhändlers, der wie Millionen von Angestellten auf der Welt ab und an auch mal über seinen Chef lästerte: dass der Böse Boss in Sandalen zur Arbeit erschien etwa oder ihm an seinem Geburtstag nicht freigab.

Joe Gordon tat, was er immer tat und schrieb es auf in seinem Blog, jeder mit einem Internetanschluss konnte es verfolgen.

Und so kam es schließlich kurz vor Weihnachten, wie es schon lange hätte kommen können: Gordons Vorgesetzter las die sarkastischen Bemerkungen seines Untergebenen, und man kann nicht sagen, er sei zimperlich oder langsam gewesen in seiner Reaktion.

Nun war der Blogger Gordon arbeitslos, der erste Brite, der auf diese Art seinen Job verloren hat. Aber wenigstens hatte er jetzt, was sich alle wünschen, die wie er ihre ganz persönlichen Ansichten und Meinungen veröffentlichen: Jede Menge Zugriffe auf seinen Blog.

„Ein Blog ist ein persönliches Tagebuch. Ein Rednerpult. Ein Raum für Zusammenarbeit. Eine politische Bühne. Ein Ventil für Nachrichten. Eine Sammlung interessanter Links. Ihre ganz privaten Gedanken. Notizen für die Welt.“ (Definition von Google’s Seite Blogger.com)

Im Ozean der Banalitäten

Sieben Millionen Menschen sind es einer im Januar veröffentlichten Studie zufolge allein in den USA, die mehr oder weniger regelmäßig aufschreiben, was sie bewegt: Privates wie Politisches, Intimes und Irritierendes, Bedeutsames und Banales.

Jeden Tag entstehen weltweit Tausende neue Blogs. Doch die meisten dieser Internet-Tagebücher fristen ein eher trauriges Dasein irgendwo auf den Abstellgleisen des Webs, und: Selbst von den Internet-Benutzern in den USA wissen zwei Drittel gar nicht, was das sein soll, ein Blog.

Dabei hat das Thema durchaus eine Rolle gespielt im Präsidentschaftswahlkampf, und Merriam-Webster, das US-Pendant zum Dudenverlag, hat den Begriff Blog zum Wort des Jahres 2004 erklärt.

Blog ist sozusagen das Kürzel eines Kürzels: extrahiert aus weblog, was wiederum steht für ein Logbuch im world wide web. Blogs bestehen meist aus kurzen Texten, der jüngste immer oben, versehen mit Links, Datum und Uhrzeit der Veröffentlichung sowie – ganz wichtig – der Möglichkeit, einen Kommentar zu dem Beitrag zu verfassen.


 
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Blogosphere
Die Linksweiter
 

 

Typisch ferner: Ein Kalender sowie ein Archiv mit Permalinks – Verweisen auf Artikel, die erhalten bleiben, auch wenn das Tagebuch fortgeschrieben wird.

Längst gibt es spezialisierte Anbieter und Plattformen, aber auch die Großen der Branche wie Google sind auf den Zug aufgesprungen und bieten Platz in der blogosphere an. Jeder kann sich in fünf Minuten sein eigenes Tagebuch einrichten – kostenlos.

„Wer gute Blogs regelmäßig absurft, dem entgeht so leicht nichts mehr.“ (Sven Lennartz in seinem Blog Dr. Web Magazin)

Es gibt Blogger mit einer Fangemeinde, in Deutschland etwa Jörg Kantel, besser bekannt als „Schockwellenreiter“, in den USA beispielsweise Dan Gillmor.

Heuschrecke im Maisfeld

Oder Ivan Noble, den an Krebs erkrankten BBC-Journalisten, dessen Tagebuch Hunderttausende verfolgten. Aber der normale unbekannte Blogger erzielt im Vergleich zu etablierten News-Angeboten keine Breitenwirkung, ähnlich wie einzelne Heuschrecken in einem Maisfeld nicht weiter auffallen.

„Unerkannt kommen wir aus der Dunkelheit, niemand weiß, wann und wo einer oder eine von uns das nächste Mal zuschlägt. Wir posten unsere Texte und verschwinden wieder in den Tiefen des Webs. Wir sind Guerilla-Publizisten. Wir sind Blogger. Wir sind kleine, mobile Einheiten. Wir fliegen unterhalb des Radars der Verlage und der Meinungsindustrie. Wenn es eine von uns erwischt, sind genügend andere da, die ihre Stelle einnehmen. Sie können uns nicht fassen.“ (Manifest des deutschen Blogs „Der Kutter“)

Aber wenn sich ein Schwarm formiert, wenn Nachrichten nahezu ohne Verzögerung um den Erdball schwirren, wenn sie auf unzähligen Blogseiten querverbunden, kommentiert, ergänzt werden, im Minutentakt in automatisch aktualisierten Nachrichtensammel-Programmen auflaufen, wenn sich per trackback die blogs untereinander zu einem Thema auf dem Laufenden halten, dann kann durch die schiere Masse eine Dynamik entstehen, die von der virtuellen in die reale Welt hinüberschwappt. Und plötzlich ist das Maisfeld kahl.

„Es war wie ein Streichholz auf benzingetränktem Holz“, notierte die Washington Post im September, als Blogger mitten in der heißen Phase des US-Wahlkampfes dem Sender CBS einheizten.



» Mag der einzelne Fisch auch daneben liegen, der Schwarm wird es korrigieren. «

Moderator Dan Rather, eine Ikone seines Berufsstandes, hatte auf der Grundlage zugespielter Dokumente behauptet, Bush habe sich auf fragwürdige Weise vor dem Militärdienst in Vietnam gedrückt und sogar den Ersatzdienst bei der Nationalgarde nur unregelmäßig erfüllt.

Und nun stellten davor völlig unbekannte Menschen ihre Zweifel an genau diesen Dokumenten auf ihren Blogseiten ins Internet, andere Blogger verbreiteten die Nachricht weiter und schließlich geriet der Mediengigant CBS derart in Bedrängnis, dass Rather schließlich gehen musste – ein Mann, der 26 Mal mit dem Emmy, dem höchsten US-Fernsehpreis, ausgezeichnet worden ist.

Gefahr für Firmen

Ist das, wie Blogger Dan Gillmor behauptet, der Journalismus der Zukunft? Gillmor, einen ausgebildeten Journalisten, treibt die Frage um, wie es mit seinem Metier weitergeht: „Eine Unterhaltung über die Zukunft des Journalismus vom Volk fürs Volk“, so lautet das Motto seines Medien-Blogs über grassroot journalism, Journalismus von unten.

Blogger wie er sind mittlerweile auf dem Radar von etablierten Journalisten, finden auch als Quelle Beachtung.

„Gute Blogs bilden Realität nicht nur ab oder konstruieren sie gemäß der Logik vorgegebener Formate“, urteilt Mike Sandbothe, Professor für Medienphilosophie an der Universität Aalborg in Dänemark. „Statt dessen argumentieren sie aus der Situation heraus und zielen auf die konkrete Lösung von realen Problemen.“ Darin liege durchaus ein Fortschrittspotenzial für die demokratischen Formen globaler Öffentlichkeit.

„Außerdem bin ich gespannt, wie künftig Unternehmen darauf reagieren werden, dass in Weblogs über sie berichtet wird. Schließlich ist Google relativ erbarmungslos.“ (Der Blogger Klaus Eck)

Webseiten sind nicht nur genauso geduldig wie Papier, viele Blogger haben entweder nicht die Ausbildung oder keine Lust, sich an journalistische Standards zu halten und erheben genau das zum Prinzip, nach dem Motto: Mag der einzelne Fisch auch daneben liegen, der Schwarm wird es korrigieren.

„Bedenkenlos“, schreibt Ignacio Ramonet, Redaktionsdirektor der französischen Zeitschrift Le Monde diplomatique, würden Information und Meinung, überprüfte Tatsachen und Gerüchte vermischt.

Das kann dort, wo es um Marktanteile und das große Geld geht, schnell den Aktienkurs in den Keller treiben. Deshalb lassen mittlerweile auch viele Firmen Blogs beobachten, die sich mit ihrer Branche beschäftigen.

Schließlich wollen sie nicht PR-Pleiten erleben wie die Firma Kryptonite. Blogger hatten veröffentlicht, dass sich ein 50 Dollar teures Schloss mit einem simplen Einweg-Kugelschreiber öffnen ließ. Erst schwieg die Firma tagelang, dann – inzwischen hatten Mainstream-Medien den Fall aufgegriffen – musste sie klein beigeben.

Besonders ins PR-Kontor schlägt, dass Suchmaschinen den Wert von Einträgen zu einem bestimmten Stichwort unter anderem danach bemessen, wie oft auf entsprechende Seiten verlinkt wird.

PR-Gau für Jamba

Je mehr Verweise also die Blogger untereinander anlegen, umso höher rutschen sie mit einem bestimmten Thema in den Ergebnislisten von Google und Co. Der deutsche Blog „Spreeblick“, der die Geschäftspraktiken des Klingeltonanbieters Jamba im Stile der Sendung mit der Maus angeprangert hatte, rangierte auf Google beim Stichwort Jamba wochenlang auf der ersten Ergebnisseite. Man kann sowas auch einen PR-Gau nennen.

„Der Blogging-Trend wird die öffentliche Kommunikation in 2005 nachhaltig verändern“, analysiert Lars-Christian Cords, Partner bei der Werbeagentur Fischer-Appelt in Hamburg, „professionelle Maßstäbe wie Recherchequalität und Glaubwürdigkeit stehen in Frage.“

Aber der Werbefachmann sieht auch Chancen: „Über Blogs können auch Unternehmen schnell Informationen und aktuelle Meinungsbilder einfangen.“

Oder versuchen, diese Meinung selber zu beeinflussen? Wenn, dann sollten sie es nicht so plump anstellen wie im Fall Jamba. Plötzlich fanden sich unter den Kommentaren auf den kritischen Artikel bei „Spreeblick“ reihenweise Beiträge, die sich positiv zu Jamba äußerten.

Aber weil Blogging-Software immer protokolliert, von welcher Internet-Adresse aus Beiträge losgeschickt werden, kam schnell heraus, dass die Beiträge von Jamba-Mitarbeitern stammten und die Wirkung der Guerilla-PR kehrte sich ins Gegenteil um.

„Seit 1194 Tagen ohne Zungenkuß. Davor 1721. Seit 314 Tagen ohne Date. Davor 945. Seit 19 Tagen ohne erotischen Blickkontakt.“ (Blogger Aber in „Mein Liebesleben“)

Firmen können das Beobachten von Blogs für sie erledigen lassen, der Informations-Junkie ist auf sich alleine gestellt, wenn er eintaucht in das Meer der Informationen und Belanglosigkeiten.

"Suchtgefahr ist nicht zu leugnen"

Viele tun sich schwer, sehr schwer, wieder aufzutauchen aus der Blogosphäre: „Die Suchtgefahr ist nicht zu leugnen“, sagt Gabriele Farke, Autorin eines Buches über Online-Abhängigkeit, die zugleich die Internetseite onlinesucht.de betreibt.

„Es ist gnadenlos, was da in den Geständnissen rüberkommt.“ Schon früher öffneten viele in Foren schonungslos ihre Herzen, aber anonym, „das hat ja nie jemand gesehen“. Nun aber, bei den Blogs, „wünschen sich die Leute das“.

„Noch kurz vor Weihnachten 2002 konnte ich mir nicht vorstellen, was die Leute daran finden, ein Tagebuch im web zu betreiben. Heute muss ich sagen, ich kann mir nicht vorstellen, es nicht zu tun.“ (Selbstbekenntnis der Bloggerin „Früchtchen“)

Etliche Suchmaschinen wie technorati.com haben sich auf Blogs spezialisiert, aber auch die etablierten Suchdienste wie Google kämmen Blogseiten regelmäßig durch.

Aber auch hier zählt das Gesetz der großen Zahl: Der Blogger, auf den die meisten Links zeigen, kommt am weitesten nach vorne bei den Suchmaschinen.

Da heißt es aktuell bleiben, mindestens jeden Tag etwas posten, am besten mehrmals. Das setzt viele unter Druck, schafft eine Abhängigkeit, der sie sich nicht entziehen können.

Nachts auf der Biergarnitur

„Ist es bedenklich, wenn man von jedem neuen Hotel schon den Katalog auf INet-Anschluss checkt und auf dem Zimmer als erstes Ausschau hält, ob es einen LAN-Anschluss gibt?“, fragt sich der Blogger Stefan Nagelschmitt – auf seinem Blog.

„Oder fängt es erst wirklich an, gefährlich zu werden, wenn man nachts 2,5 Stunden in der Kälte auf einer Biergarnitur vor einem geschlossenen Kiosk sitzt, um den Access Point eines ebenfalls geschlossenen Jazz Cafés auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu nutzen?“

Wer kann das schon genau sagen? Sicher ist, das zeigen Gabriele Farkes Erfahrungen mit Online-Süchtigen, dass viele Menschen sich völlig abkapseln von ihrem früheren Leben und einfach kein Interesse mehr daran aufbringen, sich mit realen Menschen an realen Orten zu treffen.

Leben in der eigenen Welt

Besuch wird ihnen lästig, Partnerschaft und Job leiden unter dem ständigen Zwang, nur ja nichts zu verpassen, auch an dem unvermeidlichen Schlafmangel. Und in der Familie fühlen sich Süchtige als Außenseiter, die in ihrer eigenen Welt leben.

Die Einstiegsdroge für viele sind die kommunikativen Fähigkeiten des Internets: „Im Chat findet jeder Gleichgesinnte, und es ist schier unmöglich, für ein Problem, das einen gerade zutiefst beschäftigt, nicht jemanden zu finden, der nicht ein offenes Ohr und Zeit für ihn hat“, schreibt Gabriele Farke auf onlinesucht.de.

Doch fürs reale Leben brächten diese virtuellen Seelentröstungen nichts. Die Blogs mit ihrem „Jeder ist mit jedem in Kontakt“ fügten dem eine „neue Qualität“ hinzu, sagt die Expertin.

Dagegen hilft ihrer Erfahrung nach nur, sich selbst unter Kontrolle zu setzen. Mit Tages- und Wochenplänen sich selbst Brücken zu bauen.

„…amazing how you can be unemployed but always busy!“ (Joe Gordon in seinem Blog „Woolamaloo Gazette“)

Es gibt jedoch Ausnahmen. Joe Gordon, der gefeuerte schottische Blogger, versuchte den Brückenbau zu seinem alten Leben als Buchhandelsangestellter auf seine ganz eigene Art.

In seinem Blog zeichnete er minutiös nach, wie es ihm im Kampf gegen die fristlose Kündigung erging. Und es hat geholfen. Die Aufmerksamkeit, die er so erregte, verschaffte ihm einen neuen Job. Und mehr Geld als vorher verdient er jetzt auch noch.

(SZ vom 17.2.2005)


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